Montag, 7. April 2014

Greta und die Religion



Während Lilli natürlich noch nicht groß über Religion nachdenkt, geht Greta seit September in einen katholischen Kindergarten und beginnt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Unsere Kinder sind beide katholisch getauft, haben bisher aber noch nicht viele religiöse Erfahrungen sammeln können, da mein eigener Glaube eher wenig mit der katholischen Kirche zu tun hat.
Na ja, so ganz stimmt das auch nicht. Schließlich bin ich in einem kleinen bayerischen Dorf aufgewachsen und ebenfalls katholisch getauft worden. Zur Kommunion ging ich noch freiwillig und ministriert habe ich auch. Genaugenommen war ich sogar die erste weibliche Ministrantin bei uns im Dorf. Hab dafür gekämpft dabei sein zu dürfen, vorher gab´s sowas nicht: "D` Madln ministriern net!" Es war 1987, ich war neun Jahre alt und diskutierte so lange mit dem örtlichen Kaplan bis er sich für uns stark machte, für die "Madln". Und dann eines schönen Sonntags durfte ich dann so ein Ministrantengewand anziehen und war dabei. Ich war ziemlich religiös als Kind.

Mit 14 habe ich angefangen mich mit Philosophiegeschichte zu beschäftigen. Angefangen Fragen zu stellen. Den Kaplan, der eigentlich sehr nett und aufgeschlossen schien, konnte ich nicht mehr befragen, weil er mittlerweile versetzt worden war. Man hat da so ein paar kinderpornographische Filme auf seinem Rechner gefunden. Das war 1990. Damals noch undenkbar. Bei einem Kaplan!
Heute würde man vielleicht sagen: "Ach, der auch?"

Also stellte ich dem Pfarrer im Firmunterricht meine Fragen. Und er gab kaum befriedigende Antworten. Ich stellte also mehr Fragen, dem Religionslehrer, anderen Pfarrern. Und es gab immer noch kaum Antworten. Und dann wollte ich nicht mehr gefirmt werden. Musste aber. Über dem Pfarrer stand bei uns in der Familie immer noch meine Mama!
Firmen ließ ich mich also aus innerfamiliären Gründen, nicht freiwillig.
Aber innerlich ging ich ins Exil. Wie nannte man es damals im dritten Reich, bei Schriftstellern, die nicht klar Stellung bezogen: "Innere Emigration"?
So etwas in der Art praktiziere ich bis heute. Ich bin ein ziemlich fauler Christ. Glaube an Gott, bin auch noch in der Kirche, gehe aber nie hin. Ärgere mich über den Laden, verändere aber nichts.
Trotzdem wollte ich, dass Greta einen christlichen Kindergarten besucht. Musste nicht katholisch sein, lag in unserer bayerischen Kleinstadt aber dennoch recht nahe. 600 Meter von unserer Haustüre entfernt, um genau zu sein.
Sie soll die christlichen Traditionen wenigstens kennenlernen, davon distanzieren kann sie sich immer noch, später, wenn sie etwas darüber weiß.
Ein Freund von mir, sagte kürzlich, er habe nicht gewollt, dass seine Kinder indoktriniert werden mit dem ganzen katholischen Scheiß. Aber er war dann doch erstaunt, dass sein elfjähriger Sohn, der "Bub" nicht weiß, was Erntedank ist und auch sonst keine Ahnung hat.
Die Bibel halte ich für ein Stück europäische Kultur. Ebenso wie die christlichen Feste. Greta soll das alles kennen lernen. Trotzdem gibt es da natürlich innere Zwiespalte, Grenzen in der religiösen Erziehung meiner Kinder. Ich gehe nicht mit ihnen in die Kirche, außer an Weihnachten und auch da hat es eher nostalgische und rituelle Gründe, wie ich zugeben muss. Gebetet wird mit Greta auch eher selten. Eine Kinderbibel habe ich ihr aber gekauft. Greta wollte wissen, was die Arche Noah ist. Als ich ihr die Bibelgeschichte erzählen wollte, kam ich ins Stocken, schon gleich am Anfang.
Kann ich einer Dreijährigen erzählen, dass Gott die Menschen bestrafen wollte, indem er ihnen die Sintflut schickte? Ich kaufte also die Kinderbibel, hoffte auf Hilfe. Was stand drin: "Als es einmal sehr regnete, wollte Gott Noah und einige Tiere vor der drohenden Flut retten." Vielen Dank! Das hätte ich Greta auch erzählen können.
Zu Beginn der Kindergartenzeit war Greta extrem gläubig. Geradezu beängstigend katholisch. Sie schlug sich mit beiden Fäusten fest auf die Brust, wie ein Büßer, und rief "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geists! Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit Amen!" Sie betete auch mit Lilli. Die arme Lilli! Greta drückte ihr die Fäuste auf die Brust und schrie:  "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geists! Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit Amen!" Lilli lag im Gitterbettchen, guckte ein bisschen irritiert und machte dann weiter mit dem, was Babys ebenso machen müssen. Gott sei Dank hörte Greta irgendwann wieder auf mit dem Geißelritual bei sich und Lilli.

Auf dem Heimweg vom Kindergarten klärten Greta und ich, grundlegende religiöse Glaubensinhalte.
"Mama, die Maria kocht doch in der Kinderkrippe."
"Ja, stimmt.", sagte ich. "Die Maria kochte in der Krippe. Aber du gehst ja jetzt in den Kindergarten." "Mama, aber im Kindergarten sagen wir immer Jesus und Maria vor dem Essen."
"Aha," sagte ich.
"Aber das ist dann nicht die Maria aus der Kinderkrippe oder Mama?",  fragte Greta nach einiger Zeit.
"Nein. Das ist nicht die aus der Krippe, Greta."
"Ist das die Maria mit dem Baby, die an manchen Häusern hier in der Stadt hängt, Mama?"
Ich dachte an die vielen Marienbilder und -statuen an den Fassaden in unserer katholischen Stadt und sagte: "Ja, Greta, genau die ist das."

Anfangs ging Greta auch noch sehr gerne mit dem Kindergarten in die Kirche und sie bat mich oft, mit ihr auch mal in die Kirche zu gehen.
Aber es lässt nach. Jetzt schon. "Morgen gehen wir in die Kirche mit dem Kindergarten, Mama! Kann ich zu Hause bleiben? Das ist wangweilig in der Kirche", sagte sie mir letzte Woche.
Sie durfte nicht zu Hause bleiben.
Und dann fand sie es doch ganz schön in der Kirche. "Wir haben ganz viel gesungen", sagte sie erfreut.

Bisher war ich eigentlich ganz froh, dass Greta mit dem Kindergarten in die Kirche geht. Sie soll ihre eigenen religiösen Erfahrungen machen und später selbst entscheiden, was sie glauben will und wie.
Heute morgen wurde mir dann aber doch etwas mulmig zumute. Greta sang ein Kreuzigungslied:

Es stöhnt der Herr von schwerer Last
Sie gönnen ihm nicht Ruhe, Rast
Er weitergehen muss, muss aufstehn,
Den Weg des Kreuzes muss er gehen.

(Für den genauen Wortlaut gebe ich keine Garantie, das ist das, was Greta sich gemerkt hat.)

Dann sah sie mich an und sagte: "Mama, die haben den Jesus aufs Kreuz genagelt. Damit er sterben soll. Mit Nägeln. Warum haben die das gemacht?"

Warum bringen die im Kindergarten meinem Kind so ein Lied bei? Muss man mit drei Jahren so etwas singen können?  Muss man den Kreuzweg wirklich schon kennen? Ich war mit neun noch ganz schön mitgenommen von dieser Geschichte.

Es wird schwierig. Ich wollte mich bisher eigentlich nicht einmischen in Gretas katholische Erziehung. Wollte ihr nicht sagen, was ich von dem ganzen Kreuzigungszeug halte, vom Osterritus. Vom Beichten, vom Opfern und Fasten. Die ganze Kasteiung.  Das priesterliche Zölibat. Wofür? Menschen anderer religiöser Gesinnung wundern sich zu Recht, dass wir ein Kreuz anbeten, auf das ein Mensch genagelt ist. Ein Menschenopfer anbeten.

Irgendwie habe ich den Verdacht, dass die Kinderbibel mir wieder nicht weiterhelfen wird.

Sonntag, 6. April 2014

Sonntags: 10 von 10.

10 gute bzw. schlechte Dinge in dieser Woche

1. Mal wieder Joggen gewesen, weil die Babysitterin Zeit hatte, morgens auf Lilli aufzupassen.




2. Bei gutem Wetter auf dem Spielplatz mit der Mama von Gretas Freundin gequatscht und sehr viel über meinen Perfektionismus gelacht.

3. Lilli dabei zugesehen, wie sie Sand gegessen hat. Zu den besorgten Mitmamas am Spielplatz gesagt: "Ach, die hat nur Hunger"

4. Am Wochenmarkt gewesen und dort Fleisch, Eier, Obst und Pilze gekauft.






5. Mit Greta und Lotta, meiner Freundin und ihren beiden Mädels im Kasperltheater gewesen.




6. Mit Greta Ostereier aufgehangen.



7. Christine Nöstlingers Tagebuch gelesen und mich mit ihr über die ungleiche Arbeitsverteilung von Mann und Frau geärgert.

8. Erfahren, dass mich meine alte Schule ab September nicht braucht. Sie haben genug Deutschlehrer im Moment...
Weihnachten hieß es noch, sie könnten mir schon noch meine alte Stelle geben, aber: "Wie machst du es dann mit den Kindern, wenn sie krank sind und so?"

9. Ziemlich viel darüber nachgedacht, ob ich meine Stelle antrete oder doch ein halbes Jahr warte, bis sie mich besser brauchen können. 

10. Am Freitag so Kopfweh gehabt, dass ich gedacht habe, mir zerspringt der Schädel.



Freitag, 4. April 2014

Das interessiert doch keine Sau!

"Schreib doch mal was Positives über Lilli und Greta", sagt die Oma," die kommen ganz schlecht weg, deine Kinder."
"Das interessiert doch keine Sau, das Positive über meine Kinder", antworte ich und überlege.

Was sollte ich denn Positives schreiben über meine Kinder. Was kann man schreiben, dass nicht nach überstolzer Mama klingt, nach Weichzeichnerblick, nach Mutterkitsch?

"Kinderkriegen ist nichts für Weicheier. Wenn es dich nur einmal anlächelt, dann kriegst du alles wieder zurück", sagt Michael Mittermeier.

Ja, wenn die Kinder einen anlächeln, ist das schön. Schön ist es auch, wenn Lilli im Hochstuhl sitzt und den Kopf ganz schnell hin und her bewegt, die Nase kraus zieht und dann so komisch schnieft, um uns zu unterhalten. Schön ist es, wenn sie ganz müde ist und ihren Kopf an meine Schulter schmiegt. Schön ist es, ihren kleinen kompakten Körper im Schlafsack ganz dicht am eigenen Körper zu spüren. Lillis Geruch nach Milch und Getreide ist besonders schön. Auch nachts, wenn ich zum dritten Mal für sie aufstehe. Dieser Geruch hat etwas ganz Beruhigendes. Etwas von: "Alles wird gut! Auch wenn du sehr sehr müde bist, Mama."

Und wenn Greta sagt:"Mama, ich hab dich ganz lieb", dann ist das schön, ja. Wenn sie ganz laut Pippi Langstrumpf Lieder singt:

Der jüngste und beste Matrose an Bord -
das war der kleine Kalle Theodor
Die Mutter, die weinte: Geh bitte nicht fort
Doch ihn rief die See -
Den Kalle Theodor
Wenn der Sturm in den Wanten pfiff
dann schrie er laut. Ahoi! Ohe!
Hatte kein Heimweh
Denn seine Heimat war jetzt die weite See
Ahoi! Ohe!


Greta kann das ganz herrlich, auf Papas Schultern sitzend, laut und mit viel dramatischem Geschick.

Und dass sie den Anfang vom Pippi Langstrumpf Buch auswendig kann. Dass für sie die Figuren von Astrid Lindgren echt sind und irgendwo bei uns um die Ecke wohnen. "Weißt du die Läusemia hat die schönen roten Schuhe von der Madita ins Feuer geworfen," erzählte Greta am Wochenende der Großmama. Und  auf dem Weg zum Kindergarten sagt sie: "Ich würd gerne mal den Michel besuchen, Mama. In Lönneberga."
Schön war es auch, als Greta gestern sagte, sie fahre so gerne hinten auf meinem Fahrrad, "weil die Haare dann so toll in der Luft fliegen."  "Können wir mal mit dem Fahrrad zur Oma fahren?", fragt sie. "Ich fahr nicht so gerne Auto."
Dass die Oma in München wohne, und dass das 150 km entfernt liegt, sei nicht schlimm. "Dann fahren wir eben auch in der Nacht!"
Und noch netter war es, als sie auf dem Rückweg vom Spielplatz meinte, ich solle doch mal was zaubern. "Zaubern kann ich nicht, Greta", sagte ich. "Dann musst du es lernen, Mama", antwortete meine schlaue kleine Tochter. "Du hast gesagt, man kann alles lernen."

Das alles ist schön mit Kindern. 
Aber das interessiert doch keine Sau! Oder?


Donnerstag, 3. April 2014

Muttertagswünsche



"Zum Muttertag wünsche ich mir einen Fensterputzer", hörte ich heute eine Mama am Spielplatz zu ihrer Freundin sagen.
"So ein Gerät?", frage diese erstaunt.
"Nein. Einen professionellen Fensterputzer. Einen Mann, der meine Fenster putzt."
"Nackt?"

"Nein. Nicht nackt. Einfach nur sauber. Hab seit zwei Jahren nicht mehr Fenster geputzt. Ich will nicht in ein Restaurant, keine Blumen, einfach nur saubere Fenster."

Was wünscht ihr euch zum Muttertag?

Dienstag, 1. April 2014

Von Strohhalmen aus Schokolade, Amerikanern mit Kopfhörern und Löwenkindern




Es stand alles auf dem Poster. Löwenkinder sind temperamentvoll, wollen ihren Kopf durchsetzen und lieben die Aufmerksamkeit eines großen Publikums. Niemand kann sagen, ich wäre nicht frühzeitig gewarnt worden....

Als Greta noch in meinem Bauch war, nahm mich die Arzthelferin in der Frauenarztpraxis mit zu einem großen Poster, auf dem die Charaktereigenschaften der Sternzeichen aufgelistet waren.
"Sehen sie," sagte sie, "ihr Kind wird voraussichtlich am 11. Juli geboren. Das wird ein Krebs."
Ich glaube nicht an Sternzeichen, las mir die Beschreibung des Krebskindes aber durch.
Dann lachte ich und sagte: "Nein. Das Kind in meinem Bauch ist kein Krebs. Zu diesem Kind passt die Beschreibung danach. Das wird ein Löwe."
"Na, da müsste sie aber sehr spät kommen," sagte die Arzthelferin.
Mein Kind kam spät. Ganze zwölf Tage zu spät. Es war ein Löwe.

Greta war ein sehr braves Baby. Eines von denen, die durchschlafen. Meine beste Freundin sagte mir dazu am Telefon: "Ich habe nie geglaubt, dass es sowas gibt, Babys, die durchschlafen. Aber du sagt eigentlich immer die Wahrheit. Das gibt es also doch. Und dafür muss ich dich jetzt leider hassen." Von meiner besten Freundin gehasst, dafür gesegnet mit einem durchschlafenden Kind, kam ich durch die ersten 9 Monate Babyzeit, ohne zu ahnen, was da noch auf mich zukommen würde.
Als aus Greta langsam ein Kind wurde, setzte ich sie in sämtliche Babyschaukeln auf umliegenden Spielplätzen. Es war Frühling, die Luft wurde wärmer und es war herrlich, mein Baby größer werden zu sehen. "Hutsch, heitsch!, " rief mein Mann, ein Österreicher, wenn Greta auf der Schaukel saß. "Heiti, heiti", sagte Greta, sobald wir einen Spielplatz betraten.
Sie liebte es, zu schaukeln. Warf die Arme in den Wind und lachte und lachte und lachte.
Und eines Tages, da weinte mein Baby, als ich es aus der Schaukel ziehen wollte. Weinen sollte mein Baby nicht, darum setzte ich es sofort wieder hinein. "Heiti, heiti".
Beim nächsten Spielplatzbesuch jedoch weinte Greta noch ein bisschen mehr, als das Schaukeln aufhörte. Sie strampelte wild mit den Beinen, ruderte mit den Armen in der Luft und zeigte mir mit aller Kraft, dass sie noch schaukeln wollte. Die Leute sahen schon zu uns herüber."Heiti, heiti." Hauptsache das Baby hört auf, so laut zu weinen.
Beim nächsten Mal war es ein Kampf. Greta schrie so laut, dass alle Mamas, Papa, Omas und Opas und alle Kinder zu uns blickten. Sie strampelte wie wild mit den Beinen und es war kaum noch möglich, sie aus der Schaukel zu ziehen.
Ich schämte mich und begriff.
Diesmal gab es keine zweite Runde. Ich zog mein schreiendes Rumpelstilzchen aus der Schaukel, steckte es in den Kinderwagen und machte mich auf den Heimweg. Umgehend. Und Greta? Hatte sich, kaum, dass wir den Spielplatz verlassen hatten, wieder beruhigt.
Etwa eineinhalb Jahre später der Klassiker. Da gab es mal einen Werbespot mit einem tobenden Kind im Supermarkt. "Kondome schützen", hieß es am Ende. Ich weiß nicht, ob der echt war. Sehr lustig. Fand ich. Damals. Als ich noch kein Kind hatte.
Greta wollte Strohhalme aus Schokolade. "Strohhalme aus Schokolade brauchen wir nicht", sagte ich. "Doch!", sagte Greta. "Nein", sagte ich, "wir haben Strohhalme zu Hause und Schokolade auch."
"Aber ich will Strohhalme aus Schokolade!", rief Greta. Unbeirrt ging ich weiter zur Kasse und legte die Waren auf das Band. "ICH WILL STROHHALME. STROHHALME. AUS. SCHOKOLADE", schrie Greta immer wieder. Während ich weiter Waren aufs Band legte, fragte ich mich, wie es zu dieser Situation kommen konnte.
Immerhin kannte ich den Werbespot. So etwas sollte mir nicht passieren. Betteleien im Supermarkt hatte ich noch nie nachgegeben. Aus Prinzip nicht. Immer an den Werbespot denkend nicht.
Doch während ich noch nachdachte, hatte Greta bereits den Einkaufswagen der Dame vor uns erklommen, krallte sich daran fest und schrie: "ICH WILL STROHHALME. STROHHALME. AUS. SCHOKOLADE".
Hinter mir begannen die Leute zu tuscheln. Die Dame sah mich an. Ihr Blick war eindeutig: "Nehmen sie das schreiende Kind von meinem Einkaufswagen!" Ich versuchte Greta vom Einkaufswagen loszureißen.  "STROHHALME. AUS. SCHOKOLADE", rief sie, und krallte sich am Einkaufwagen fest.
Endlich hatte ich die Dame vor uns von meiner schreienden Tochter befreit, da hatte ich schon das nächste Problem. Die Einkäufe liefen weiter und weiter auf dem Band, das Kind tobte in meinen Armen und die Kassiererin wartete ungeduldig darauf, dass ich bezahlte.
Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe, jedenfalls packte ich trotz tobendem Kind im Arm alles in meine Einkaufstasche, zahlte und bewegte mich schnellstmöglich Richtung Ausgang.
"Nur weg!", dachte ich. Weg von all den starrenden Menschen. An einen Ort, wo Greta wieder zur Ruhe kommen kann. Und ich auch.
Doch kurz vor dem Ausgang drehte ich mich noch einmal um. Ich hörte, wie eine Dame zu einem anderen Kunden sagte: "Diese jungen Eltern sind doch völlig überfordert heutzutage. Keine Konsequenz! Ich hatte vier Kinder. So etwas ist mir nicht passiert!"
Die richtige Entgegnung ist mir in diesem Moment nicht eingefallen. Ich fragte mich nur, was an meinem Verhalten inkonsequent gewesen war.

Später, als mein Kind wieder wie ein Engel aussah und in seinem Bett schlummerte, fiel mir dann eine Antwort ein: "Wenn sie vier Kinder hatten, wird es ihnen sicherlich ein Leichtes sein, dieses hier zu beruhigen."

Die Sache hat natürlich einen Haken. Ich liebe mein Kind und würde es in so einer Situation keiner Fremden in den Arm drücken.

Ich habe dazu gelernt. Nicht, dass ich jetzt wüsste, wie man ein Kind beruhigt, das einen Trotzanfall hat, oder besser noch, wie man Trotzanfälle grundsätzlich verhindert. Nein, das nicht. Meine Freundin muss mich nicht wieder hassen.
Gelernt habe ich, dass ein Trotzanfall bei meiner Tochter 15 Minuten dauert. Man kann beruhigend auf sie einreden. Man kann versuchen, sie dabei zu umarmen, sie festzuhalten. Man kann ihr drohen. Oder man macht nichts. Ganz egal. Das Ganze dauert 15 Minuten. Es ist wie ein Gewitter. Ein Trotzanfall deutet sich durch kleine Vorzeichen an. Er kommt. Er dauert 15 Minuten. Es geht vorbei. Und dann ist wieder alles so, als wäre nie etwas gewesen. Am kräfteschonendsten ist es, als Mutter nichts zu tun außer zu verhindern, dass das Kind sich selbst verletzt.
Mitten in der Stadt hat es sich bewährt, Greta während eines Trotzanfalls auf ein Fenstersims zu setzen. Sie kann dann nicht in ein Auto laufen. Und vor gutmeinenden alten Damen ist das Fenstersims  auch ein gewisser Schutz. Wenn Greta auf einem Fensterbrett herumtobt, sieht das so lustig aus, dass die Damen meist einfach nur lächeln und an uns vorbeigehen. Die beste Reaktion übrigens: "Nicht stehenbleiben. Nicht gucken. Einfach vorbeigehen." Bitte liebe Leser, geht das nächste Mal einfach weiter, wenn ihr uns seht!
Leider gibt es nicht überall in der Stadt Fensterbretter in geeigneter Höhe. Als Greta letztens ein ganz und gar falsches Eis von mir gekauft bekam, war kein Fensterbrett in der Nähe. Dafür zwei Straßencafes nebeneinander. Voll besetzt, bei strahlendem Sonnenschein. Davor: ein großer Platz. Auf dem Platz: eine Touristengruppe. Amerikaner, die mit Kopfhörern auf ihren Ohren durch unsere kleine Stadt geführt werden.
Es war perfekt. Meine Tochter hat ein Gespür für so etwas. Das perfekte Publikum. Die perfekte Bühne.
"Mein Eis geht nicht", sagte Greta und blickte mich traurig an.  "Was ist denn los, mit deinem Eis?", fragte ich. Die Sonne schien, ich war bester Laune. Was sollte auch los sein mit einem Eis?
"Mein Eis geht nicht bis zum Boden. Ich will ein neues Eis", weinte Greta.
"Bis zum Boden?", fragte ich Greta und ging auf Augenhöhe meines Kindes. Völlig verzweifelt ob meiner Begriffsstutzigkeit, zeigte mir Greta die Waffel und die kleine Kugel Eis darin. Jetzt verstand ich. Greta fand, dass zu wenig Eis in ihrer Waffel war. "Oh", rief ich, "dein Eis geht nicht bis zum Boden. Na dann iss erst mal das Eis und wenn es dann wirklich zu wenig ist, dann kaufen wir halt noch eins."
Das hilft. Wenn mein Kind Sorge hat, das Essen könne nicht reichen, muss man nur ankündigen, es gäbe noch Nachschub, dann isst es und hat anschließend keinen Hunger mehr.

Diesmal half es nicht.
"Mein Eis geht nicht!", rief Greta wieder. Laut. Und jetzt war mir klar, dass die ersten Gewitterregentropfen schon gefallen waren. "MEIN EIS GEHT NICHT BIS ZUM BODEN. ICH WILL EIN NEUES EIS!"
Das Gewitter hatte begonnen. Ich atmete tief durch und versuchte alle Blicke zu ignorieren. Die Mütter mit den fröhlichen Kindern im Cafe, die Studenten, die älteren Damen mit den kleinen Hunden, die Herren, die genervt von ihrer Zeitung aufblickten. Die Amerikaner, die trotz ihrer Kopfhörer auf den Ohren, mein Kind zu bemerken schienen. Ich wusste, es war kein guter Ort für das, was folgen würde. Nicht für mich.
Und ich wusste, es würde 15 Minuten dauern. Dann wäre es vorbei.
Ich irrte.
Greta tobte 15 Minuten lang vor allen Müttern, Studenten, älteren Damen, Herren mit Zeitungen und Amerikanern. Das Publikum schien begeistert zu sein. Alle blickten auf Greta. Und obwohl keiner Eintritt gezahlt hatte, gab  Greta eine Extravorstellung. Mit Zugabe. Nach weiteren fünf Minuten Tobsuchtsanfall, nahm ich endlich mein Kind auf den Arm und trug es um die Ecke. "Wenigstens weniger Publikum", dachte ich.

Vielleicht sollte ich beginnen, mich mit Astrologie zu beschäftigen.

Sonntag, 30. März 2014

Sonntags: 10 von 10.

Zehn gute bzw. schlechte Dinge, die in dieser Woche passiert sind

Diesmal :
Sechs Gute Dinge:
1 habe viel gebloggt


2 keine Termine gehabt
3 mich etwas ausgeruht
4 mit Greta Straßen überqueren geübt und dabei Spaß gehabt




5 die ganze Woche kein Kleinkind-Trotzanfall, an den ich mich jetzt noch erinnern könnte
6 habe Herrn Socke eingeführt, der Greta jetzt jeden Morgen anzieht (statt 20 Minuten Gezerre und Diskussionen über die Tauglichkeit eines Schneeanzugs bei Temperaturen zwischen 10 und 20 Grad, ein bisschen Puppentheater und in fünf Minuten trägt meine Tochter, was ich ihr gerne anziehen will. Juchu!) (Vgl. dazu Bohlmann: Ein Löffelchen voll Zucker ... und was bitter ist, wird süß! Das Mary Poppins - Prinzip)


 
Vier Schlechte Dinge:
1 habe einen furchtbaren Reizhusten gehabt, der mich nicht gut schlafen ließ 



2 bin jeden Morgen um sechs aufgestanden, weil die Kinder so früh wach waren
3 habe keine Nacht durchgeschlafen, weil Lilli auch hustete und auch nicht gut schlafen konnte

4 und mich über Gretas Kindergärtnerin geärgert. Seit sechs Monaten bringe ich Greta in den Kindergarten. Und jeden einzelnen Morgen bastelt die Erzieherin oder hakt Listen ab, sodass ich jeden einzelnen Morgen das Gefühl habe, sie zu stören, wenn ich ihr mein Kind übergeben will. Diese Woche Mittwoch schließlich der Gipfel: Sie sagte, sie müsse jetzt für eine Kindergartenaufführung Flöte üben und könne Greta daher nicht auf den Arm nehmen. 




    Freitag, 28. März 2014

    Von Luftballons, humorlosen Mamas und mangelnder elterlicher Konsequenz


    Luftballons sind bunt. Sie sind lustig. Sie sind überall in der Stadt. Immer ist irgendwo ein kleiner Werbestand, an dem jemand steht und Luftballons verteilt. An Kinder. An meine Kinder zum Beispiel. Gott sei Dank bekommt Lilli bisher noch keine Luftballons angeboten. Aber Greta.

    Kurz vor der Wahl muss ich meiner dreieinhalbjährigen Tochter erklären, dass der gelbe Luftballon mit den drei blauen Buchstaben darauf ja hübsch aussehen mag, dass ich aber nicht damit in der ganzen Stadt herumlaufen will.
    Zunächst sage ich aber einfach nur: "Nein! Wir wollen keinen Luftballon!" zu dem Mann am Wahlwerbestand.
    "Warum wollen wir keinen Luftballon?", fragt Greta. "Die sind doch lustig."
    "Da steht was drauf, Greta. Das ist der Luftballon von einer Gruppe von Menschen, die die Bestimmer sein wollen in unserer Stadt. Und die wollen, dass Mama und Papa die wählen, damit sie das machen können: bestimmen oder zumindest mitbestimmen", erkläre ich ihr.
    "Ich will der Bestimmer sein", sagt Greta.
    "In unserer Stadt?", frage ich.
    "Ja," sagt Greta, "und bei uns zu Hause."

    Wahrscheinlich habe ich keinen Humor. Ich mag keine Luftballons - wie so viele Dinge und Menschen, die lustig sind. Louis de Funes, Bastian Pastewka, Cindy Marzahn. Finde ich nicht lustig. Die Fernsehsendung "Bitte Lächeln" hasse ich. Kennt wahrscheinlich keiner mehr. Ständig fielen irgendwelche Kinder irgendwo runter und man fragte sich, ob sie es überlebt hatten. Aber dann war der lustige Videoclip ja auch schon beendet. "Wer soll da lachen?", fragte ich mich da immer.

    Mein Mann hat Humor. Meine Kinder auch. In unserer Wohnung liegen also immer Luftballons herum. Mindestens drei. Aufgeblasen. Lilli findet sie lustig. Greta findet sie lustig. Mein Mann auch. Abgesehen davon, dass Luftballons mich an Kindergeburtstage erinnern und ich auch die nur bedingt lustig finde, machen sie leider auch viel unnötige Arbeit. Mamaarbeit.
    Die bunten lustigen Luftballons kommen meistens in einer kleinen Tüte in die Wohnung, die mindestens einmal, meistens aber deutlich öfter auf den Boden fällt. Und wer sammelt die lustigen kleinen Luftballons dann auf? Mama.
    An langweiligen Nachmittagen werden sie von meinem Mann für die Kinder aufgepustet. Natürlich platzt plötzlich einer und dann schreit eines unserer Kinder, weil es sich ganz furchtbar erschreckt hat. Und wer tröstet das Kind? Mama.
    Schließlich liegen diese Luftballonreste auf dem Boden. Die sehen nicht mehr lustig aus, nicht einmal für Leute mit Humor. Und Lilli liebt es, sich die Dinger in den Mund zu stecken. Und wer holt die da ganz schnell wieder heraus? Mama.
     Und wenn der Luftballon nicht platzt? Dann geht die Luft raus. Langsam, ganz langsam. Und nach ein paar Wochen sieht das Ding nur noch traurig aus. Und dann holt Mama heimlich eine Schere und macht ihn kaputt den alten Luftballon. Schmeißt ihn weg. Tut sie es schon, bevor der Luftballon alt und welk aussieht, hat sie natürlich ein schlechtes Gewissen die Mama. Ist ja auch gemein. Wo Luftballons doch so lustig sind.
     
    Neulich wollte ein Mann meiner Tochter einen roten Luftballon schenken. Es war schon fast dunkel. Wir waren allein unterwegs und der Mann machte mir Angst. Ich zog Greta also weiter und sagte, sie dürfe den Luftballon nicht annehmen.
    "Da stand aber gar nichts drauf", sagt Greta. "Der wollte gar nicht der Bestimmer sein."
    "Ja", sage ich leise, "aber wir nehmen nichts von Menschen an, die wir nicht kennen."
    Der Mann, den wir nicht kannten, verlor in der Zwischenzeit völlig die Fassung. Nachdem ich meine Tochter weitergezogen hatte, fing er an wild mit dem Luftballon in der Luft herumzufuchteln und ganz laut zu schreien. Was er geschrien hat, weiß ich nicht. Es war laut und verrückt und ziemlich bedrohlich. 

    Einen Tag später ging ich mit Greta wieder durch die Fußgängerzone. Eine Frau kam nach Ladenschluss aus der Yves Saint Laurent Filiale bei uns um die Ecke. Sie drückte meiner Tochter einen grünen Luftballon in der Hand. "Sind noch übrig von der Dekoration", sagt sie mir. Die Frau hatte ein  sympathisches Lächeln und ging in die Knie, um meiner Tochter den Luftballon zu geben.
    "Was sagt man da?", flüsterte ich meiner Tochter zu.
    "Danke!", sagte sie und zog fröhlich mit dem Luftballon davon.
    Und als die Frau schon wieder im Laden war, fragt sie: "Warum durfte ich den Luftballon haben, Mama?".
    "Weil du Danke gesagt hast", antwortete ich, während ich über das Abendessen nachdachte.
     "Aber da stand was drauf", sagte Greta.
    "Ja", antwortete ich, "aber die wollen nicht der Bestimmer sein."
    "Ich habe nicht gebettelt", sagte Greta.
     "Nein", sagte ich, immer noch über das Abendessen nachdenkend," das hast du sehr gut gemacht."
    "Aber wir kannten die Frau nicht", sagte Greta.
     Ich hasse Luftballons.