Montag, 7. April 2014

Greta und die Religion



Während Lilli natürlich noch nicht groß über Religion nachdenkt, geht Greta seit September in einen katholischen Kindergarten und beginnt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Unsere Kinder sind beide katholisch getauft, haben bisher aber noch nicht viele religiöse Erfahrungen sammeln können, da mein eigener Glaube eher wenig mit der katholischen Kirche zu tun hat.
Na ja, so ganz stimmt das auch nicht. Schließlich bin ich in einem kleinen bayerischen Dorf aufgewachsen und ebenfalls katholisch getauft worden. Zur Kommunion ging ich noch freiwillig und ministriert habe ich auch. Genaugenommen war ich sogar die erste weibliche Ministrantin bei uns im Dorf. Hab dafür gekämpft dabei sein zu dürfen, vorher gab´s sowas nicht: "D` Madln ministriern net!" Es war 1987, ich war neun Jahre alt und diskutierte so lange mit dem örtlichen Kaplan bis er sich für uns stark machte, für die "Madln". Und dann eines schönen Sonntags durfte ich dann so ein Ministrantengewand anziehen und war dabei. Ich war ziemlich religiös als Kind.

Mit 14 habe ich angefangen mich mit Philosophiegeschichte zu beschäftigen. Angefangen Fragen zu stellen. Den Kaplan, der eigentlich sehr nett und aufgeschlossen schien, konnte ich nicht mehr befragen, weil er mittlerweile versetzt worden war. Man hat da so ein paar kinderpornographische Filme auf seinem Rechner gefunden. Das war 1990. Damals noch undenkbar. Bei einem Kaplan!
Heute würde man vielleicht sagen: "Ach, der auch?"

Also stellte ich dem Pfarrer im Firmunterricht meine Fragen. Und er gab kaum befriedigende Antworten. Ich stellte also mehr Fragen, dem Religionslehrer, anderen Pfarrern. Und es gab immer noch kaum Antworten. Und dann wollte ich nicht mehr gefirmt werden. Musste aber. Über dem Pfarrer stand bei uns in der Familie immer noch meine Mama!
Firmen ließ ich mich also aus innerfamiliären Gründen, nicht freiwillig.
Aber innerlich ging ich ins Exil. Wie nannte man es damals im dritten Reich, bei Schriftstellern, die nicht klar Stellung bezogen: "Innere Emigration"?
So etwas in der Art praktiziere ich bis heute. Ich bin ein ziemlich fauler Christ. Glaube an Gott, bin auch noch in der Kirche, gehe aber nie hin. Ärgere mich über den Laden, verändere aber nichts.
Trotzdem wollte ich, dass Greta einen christlichen Kindergarten besucht. Musste nicht katholisch sein, lag in unserer bayerischen Kleinstadt aber dennoch recht nahe. 600 Meter von unserer Haustüre entfernt, um genau zu sein.
Sie soll die christlichen Traditionen wenigstens kennenlernen, davon distanzieren kann sie sich immer noch, später, wenn sie etwas darüber weiß.
Ein Freund von mir, sagte kürzlich, er habe nicht gewollt, dass seine Kinder indoktriniert werden mit dem ganzen katholischen Scheiß. Aber er war dann doch erstaunt, dass sein elfjähriger Sohn, der "Bub" nicht weiß, was Erntedank ist und auch sonst keine Ahnung hat.
Die Bibel halte ich für ein Stück europäische Kultur. Ebenso wie die christlichen Feste. Greta soll das alles kennen lernen. Trotzdem gibt es da natürlich innere Zwiespalte, Grenzen in der religiösen Erziehung meiner Kinder. Ich gehe nicht mit ihnen in die Kirche, außer an Weihnachten und auch da hat es eher nostalgische und rituelle Gründe, wie ich zugeben muss. Gebetet wird mit Greta auch eher selten. Eine Kinderbibel habe ich ihr aber gekauft. Greta wollte wissen, was die Arche Noah ist. Als ich ihr die Bibelgeschichte erzählen wollte, kam ich ins Stocken, schon gleich am Anfang.
Kann ich einer Dreijährigen erzählen, dass Gott die Menschen bestrafen wollte, indem er ihnen die Sintflut schickte? Ich kaufte also die Kinderbibel, hoffte auf Hilfe. Was stand drin: "Als es einmal sehr regnete, wollte Gott Noah und einige Tiere vor der drohenden Flut retten." Vielen Dank! Das hätte ich Greta auch erzählen können.
Zu Beginn der Kindergartenzeit war Greta extrem gläubig. Geradezu beängstigend katholisch. Sie schlug sich mit beiden Fäusten fest auf die Brust, wie ein Büßer, und rief "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geists! Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit Amen!" Sie betete auch mit Lilli. Die arme Lilli! Greta drückte ihr die Fäuste auf die Brust und schrie:  "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geists! Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit Amen!" Lilli lag im Gitterbettchen, guckte ein bisschen irritiert und machte dann weiter mit dem, was Babys ebenso machen müssen. Gott sei Dank hörte Greta irgendwann wieder auf mit dem Geißelritual bei sich und Lilli.

Auf dem Heimweg vom Kindergarten klärten Greta und ich, grundlegende religiöse Glaubensinhalte.
"Mama, die Maria kocht doch in der Kinderkrippe."
"Ja, stimmt.", sagte ich. "Die Maria kochte in der Krippe. Aber du gehst ja jetzt in den Kindergarten." "Mama, aber im Kindergarten sagen wir immer Jesus und Maria vor dem Essen."
"Aha," sagte ich.
"Aber das ist dann nicht die Maria aus der Kinderkrippe oder Mama?",  fragte Greta nach einiger Zeit.
"Nein. Das ist nicht die aus der Krippe, Greta."
"Ist das die Maria mit dem Baby, die an manchen Häusern hier in der Stadt hängt, Mama?"
Ich dachte an die vielen Marienbilder und -statuen an den Fassaden in unserer katholischen Stadt und sagte: "Ja, Greta, genau die ist das."

Anfangs ging Greta auch noch sehr gerne mit dem Kindergarten in die Kirche und sie bat mich oft, mit ihr auch mal in die Kirche zu gehen.
Aber es lässt nach. Jetzt schon. "Morgen gehen wir in die Kirche mit dem Kindergarten, Mama! Kann ich zu Hause bleiben? Das ist wangweilig in der Kirche", sagte sie mir letzte Woche.
Sie durfte nicht zu Hause bleiben.
Und dann fand sie es doch ganz schön in der Kirche. "Wir haben ganz viel gesungen", sagte sie erfreut.

Bisher war ich eigentlich ganz froh, dass Greta mit dem Kindergarten in die Kirche geht. Sie soll ihre eigenen religiösen Erfahrungen machen und später selbst entscheiden, was sie glauben will und wie.
Heute morgen wurde mir dann aber doch etwas mulmig zumute. Greta sang ein Kreuzigungslied:

Es stöhnt der Herr von schwerer Last
Sie gönnen ihm nicht Ruhe, Rast
Er weitergehen muss, muss aufstehn,
Den Weg des Kreuzes muss er gehen.

(Für den genauen Wortlaut gebe ich keine Garantie, das ist das, was Greta sich gemerkt hat.)

Dann sah sie mich an und sagte: "Mama, die haben den Jesus aufs Kreuz genagelt. Damit er sterben soll. Mit Nägeln. Warum haben die das gemacht?"

Warum bringen die im Kindergarten meinem Kind so ein Lied bei? Muss man mit drei Jahren so etwas singen können?  Muss man den Kreuzweg wirklich schon kennen? Ich war mit neun noch ganz schön mitgenommen von dieser Geschichte.

Es wird schwierig. Ich wollte mich bisher eigentlich nicht einmischen in Gretas katholische Erziehung. Wollte ihr nicht sagen, was ich von dem ganzen Kreuzigungszeug halte, vom Osterritus. Vom Beichten, vom Opfern und Fasten. Die ganze Kasteiung.  Das priesterliche Zölibat. Wofür? Menschen anderer religiöser Gesinnung wundern sich zu Recht, dass wir ein Kreuz anbeten, auf das ein Mensch genagelt ist. Ein Menschenopfer anbeten.

Irgendwie habe ich den Verdacht, dass die Kinderbibel mir wieder nicht weiterhelfen wird.

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